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„Wir können nicht die ganze Welt aufnehmen“ – diesen Satz habe ich in den vergangenen Wochen und Monaten erstaunlich oft zu hören bekommen. Auf der einen Seite ist diese Aussage rein technisch betrachtet natürlich völlig korrekt: im 357.340 km² großen Deutschland wäre für die aktuell 7,38 Milliarden Menschen schlicht kein Platz, denn dann müssten sich 21 Menschen einen einzigen Quadratmeter Boden teilen. Auf der anderen Seite zeugt dieser Satz allerdings auch von einer erschreckend großen Empathielosigkeit, von dem mangelnden Willen und/oder der nicht vorhandenen Fähigkeit, sich in leidende Menschen und in die Probleme der Welt hineinzuversetzen.


CTmDkUrU8AA2bdbDenn die Bundesrepublik Deutschland ist weit, sogar sehr weit, davon entfernt, die „ganze Welt“ bei sich aufzunehmen. In Relation zur Einwohnerzahl leistet beispielsweise Schweden deutlich mehr als Deutschland in Sachen Flüchtlingsaufnahme. Generell bekleckert sich die EU nicht gerade mit Ruhm, denn 95 Prozent allein der syrischen Flüchtlinge wurden von der Türkei, dem Libanon, Jordanien, dem Irak und Ägypten aufgenommen – alle anderen Länder der Welt, inklusive der vollständigen Europäischen Union, sahen sich gerade mal in der Lage die restlichen fünf Prozent bei sich aufzunehmen [Quelle: Amnesty International]. Wenn also jemand nun wirklich weder Grund noch Recht hat darüber zu jammern, die „ganze Welt“ wolle bei ihm unterkommen, dann ist es die Europäische Union, und damit auch Deutschland – mal völlig abgesehen davon dass die „ganze Welt“ auch gar nicht nach Deutschland will, sondern „nur“ ein paar Millionen Menschen, die in ihrer Heimat sonst um ihr Leben fürchten müssen. Würde Deutschland sie alle aufnehmen, so hätte die Bundesrepublik immer noch nicht die Bevölkerungsdichte beispielsweise der Niederlande erreicht.

Die Vorbehalte gegen die Aufnahme von Flüchtlingen haben meiner Meinung nach absolut keine rationale Rechtfertigung. Dieses Land könnte zur Lösung dieses weltweiten Problems geradezu Unvorstellbares leisten. Stattdessen wird nach Ausreden gesucht, mit der Folge dass Deutschland seine Möglichkeiten und Kapazitäten unter fadenscheinigen Begründungen nicht mal ansatzweise ausgeschöpft hat. Beispielsweise könne man nicht noch mehr Turn- und Sporthallen für die Unterbringung von Flüchtlingen entbehren, da ansonsten der Vereinssport gefährdet sei. Empathielosigkeit verrenkt hier Prioritäten, denn müsste man, beispielsweise wegen einer Naturkatastrophe, Bundesbürger in den Turnhallen unterbringen, wäre der deutsche Vereinssport mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit Freuden bereit, seine Sporthallen als Notunterkünfte zur Verfügung zu stellen. Ein Hochwasser an Oder, Rhein oder Elbe erzeugt mehr Empathie als ein (teilweise mithilfe von deutschen Waffen angerichtetes) Blutbad in Syrien. Dabei kann dieses Land locker beides auffangen, einzig der wahrhaftige Wille fehlt.

CTdl9u6WsAA_XxqDiese Wille fehlt auch bei der Regierung, die zu große Angst vor Ebbe in der Wahlurne hat und daher ihre Fahne nach dem Wind hängt, anstatt einfach mal das Richtige zu tun. Manchmal nimmt diese Form der Anbiederung besonders schauerliche Formen an, beispielsweise wenn Erika Steinbach (CDU) das Ableben des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt für ihren offen-fremdenfeindlichen Populismus missbraucht und auf Twitter ein aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat des Altkanzlers postet, in dem sich Schmidt gegen weitere Zuwanderung ausspricht (siehe beigefügter Screenshot). Mal abgesehen von der Tatsache dass der Anlass, zu dem Schmidt im Jahr 1981 diese Aussage getätigte hatte mit der heutigen Situation nicht im geringsten zu vergleichen ist, kann man es nur verachtens- und verabscheuungswürdig bezeichnen, den Tod eines Menschen zu Populismuszwecken zu instrumentalisieren. Klar, man könnte Frau Steinbach, die nebenbei auch schon durch mehrere homosexuellen-feindliche Aussagen unangenehm aufgefallen ist, jetzt als den typischen Internet-„Troll“ abtun, aber ganz so einfach ist es in meinen Augen nicht, denn Steinbach ist leider ein Troll mit politischer Macht – was sie viel gefährlicher macht als den „normalen“ Online-Störenfried. Dass ausgerechnet Frau Steinbach Sprecherin für Menschenrechte und humanitäre Hilfe der CDU-/CSU-Fraktion ist, eine Aufgabe für die sie sich nicht erst mit dieser ekelhaften Aktion vollkommen disqualifiziert hat, zeigt welchen Stellenwert dieser Bereich in den Unionsparteien hat.

So wie die „Flüchtlingsdebatte“ aktuell geführt wird hat Europa als Werte- und Moralgemeinschaft für mich aufgehört zu existieren. Wenn es darum geht angeschlagene Banken zu retten, die durch Korruption und/oder zügellose Gier ihre prekäre Lage ausschließlich selbst verschuldet haben, können innerhalb weniger Tage problemlos unzählige Milliarden mobilisiert werden – doch wenn Menschen aus Krisenregionen bei uns Zuflucht suchen, dann greift man zum Stacheldraht und demonstriert einen beispiellosen Egoismus, in dem ein paar Stunden Vereinssport pro Woche als schützenswerter angesehen wird als vertriebenen und obdachlosen Menschen vorübergehend ein provisorisches Dach über dem Kopf zu bieten. Deutlicher kann Dekadenz und Empathielosigkeit kaum sein. Für diese Worte mag man mich ruhig als „Gutmensch“ betiteln, ich persönlich empfinde eine solche Bezeichnung ehrlich gesagt sogar als Kompliment.

Für all die Steinbachs, AfD-, HoGeSa- und Pegida-Anhänger da draußen hoffe ich, dass es in den kommenden Jahrzehnten niemals dazu kommen wird, dass wir Deutsche mal gezwungen sein werden zu flüchten. Die Welt wird sich dann nämlich erinnern wie wir uns gegenüber Flüchtlingen jetzt gerade verhalten, fürchte ich. Und dann ist die Existenz der Deutschen viel akuter gefährdet als es sich jene Rechtspopulisten in ihren kühnsten Träumen jemals vorstellen könnten. Ob das ein großer Verlust für diesen Planeten wäre ist eine andere Frage.


Nachtrag: Natürlich ist mir bewusst dass andere EU-Staaten ihren Verpflichtungen im Bereich der Flüchtlingsaufnahme und -versorgung sehr viel weniger nachkommen als Deutschland. Das entbindet Deutschland in meinen Augen aber nicht im Geringsten von seinen Verpflichtungen.

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