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Wie ein böses Fieber breiten sich Gewalt und Aggressivität immer weiter aus. Brennende Flüchtlingsunterkünfte, Hasskommentare im Internet, Morddrohungen gegen Politiker – zur Zeit macht es absolut keinen Spaß, sich die Nachrichten zu Gemüte zu führen. Ich finde diese Ereignisse mittlerweile schlicht unerträglich und leider wird es immer schlimmer und schlimmer.


Bewerbungsfoto Thilo SchmidtJa, ich weiß, die Kernkompetenz meines Blogs, der schmidtteilungen, ist eigentlich der Fußball, genauer gesagt der norddeutsche Amateurfußball. Doch mit voller Absicht habe ich auch noch andere Rubriken auf dieser Seite versteckt, da ich Wert darauf lege meinen Horizont nicht nur auf meinen Lieblingssport zu limitieren; meine Stammleserschaft möge es mir verzeihen.

Ich blicke derzeit mit großer Trauer und einer wachsenden ohnmächtigen Wut in die Welt hinaus. Kein Tag, an dem ich nicht von Brandanschlägen auf Flüchtlingsunterkünften lese. Heftigste Beleidigungen und unverholene Gewaltandrohungen gegen Politiker und Journalisten sind traurige Tagesordnung geworden. Eindeutig rechte und zutiefst fremdenfeindliche Gruppierungen wie AfD und Pegida überspülen das Netz jeden Tag aufs neue mit ihren kruden, kranken und ekelerregenden Ideologien. Das ist derzeit Normalität in Deutschland.

Ich frage mich wie sowas normal werden konnte. Ich frage mich an welchen Stellen die Demokratie, die Gesellschaft und die Politik versagt haben, sodass all diese Sachen normal werden konnten. Und ich frage mich warum angesichts dieser Normalität die öffentlichen Alarmglocken nicht sehr viel lauter und schriller läuten als sie es im Moment tun, beziehungsweise eher nicht tun. Der Staat scheint den unzähligen Brandanschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte bisher nicht viel entgegenzusetzen haben, aber ob die Erklärung, die Polizei verfüge aufgrund vergangener Sparmaßnahmen über zu wenig Personal, hierbei wirklich ausreichend ist? Simple und einfache Antworten sind meistens falsch oder zumindest unzureichend, wenn es um ein komplexes und kompliziertes Problem geht. Andererseits sind simple und einfache Antworten der Öffentlichkeit besser zu vermitteln.

Die Anzahl rechter Straftaten im Zusammenhang mit Flüchtlingen hat sich seit 2012 fast versechsundzwanzigfacht. Die Lage ist also alles andere als harmlos. Das macht mich traurig, denn ich glaube prinzipiell an das Gute im Menschen, daran dass er stets fähig und willig ist sich weiter zu entwickeln, seine bisherigen Grenzen zu überwinden und jeden Tag wenigstens zu versuchen besser zu sein als er ist. Ich habe den Traum dass sich die gesamte Menschheit irgendwann als Eins begreift, als ein Volk dass sich einen Planeten teilen muss und dafür selbst verursachte Beschränkungen wie Egoismus, Rassismus, Vorurteile und Fremdenhass ablegt. Es ist meine feste Überzeugung dass die Menschheit auf diese Art und Weise – und zwar nur auf diese Art und Weise – dauerhaft überleben kann, wobei mit „dauerhaft“nicht zehn, hundert oder tausend Jahre gemeint sind, sondern deutlich längere Zeiträume.

Die Stimmung in Deutschland ist in den letzten Monaten deutlich aggressiver geworden. Vor Hass triefende E-Mails, wie sie beispielsweise gestern der Politiker Volker Beck erhalten hat, kann man noch als verbales Auskotzen eines Feiglings bezeichnen, der nur in der vermeintlichen Anonymität des Internets den Mut hat seine Klappe derart weit aufzureißen. So ekelhaft (und auch strafrechtlich relevant!) solche Artikulationsausfälle auch sind, meistens bleibt es bei Sprüchen – aber leider nicht immer. Immer öfter werden aus Worten konkrete Gewaltakte, erst gestern gab es einen Brandanschlag auf den Ditib-Moscheeverein in Stuttgart.

So, jetzt werde ich mal eine Runde überheblich: ich halte Aggressivität, Fremdenhass und Gewalt (sowohl körperliche als auch verbale) ebenso für ein Zeichen himmelschreiender Dummheit als auch den Glauben an Reichsbürgertum, BRD-GmbH, Rothschildweltherrschaft, Chemtrails und all die anderen Verschwörungstheorien. Dass diese Geschichten derzeit einen so erschreckend starken Aufschwung erhalten ist leider auch ein Qualitätsindikator für das deutsche Bildungssystem.

Fehlinformationen werden aber immer öfter auch nicht aus Dumm- oder Unwissenheit weiterverbreitet, sondern mit voller Absicht. Die (nicht-wirklich-)sozialen Netzwerke quellen über vor Hoaxes und Fakestories, in der ganz gezielt Journalisten, Flüchtlinge, Einwanderer und/oder Politiker diffamiert werden. Die allerwildesten Horrorgeschichten werden hier herumgereicht und sehr oft würde ein Minimalaufwand an Recherche ausreichen um diese als das zu entlarven, was sie sind: reine Lügen, in die Welt gesetzt um Hetze zu betreiben, um fremdenfeindliche Stimmung zu erzeugen. Zu solch armseligen Mitteln zu greifen haben die einschlägigen Gruppen vom rechten Rand bitter nötig, denn an logischen oder vernünftigen Argumenten haben sie kaum etwas zu bieten. Wer keine Argumente im Angebot hat fängt an zu schreien, zu brüllen und zu hetzen, in der Hoffnung dass dadurch der (realitätsferne) Eindruck entsteht man würde „das Volk“ repräsentieren.

Es ist sicher grundsätzlich ein richtiger Ansatz die Diskussion mit solch Verblendeten Menschen zu suchen, einerseits um ihre Denkweisen besser zu verstehen und andererseits um sie vielleicht mittels Logik und Rationalität davon zu überzeugen dass ihr Weg nicht der richtige ist. Die von mir sehr hoch geschätzte Journalistin Dunja Hayali (vor allem bekannt als Moderatorin im Morgenmagazin des ZDF) ist diesen Schritt gegangen und hat auf Facebook und Twitter das Gespräch mit diesen Leuten gesucht. Dabei hat sie eine beeindruckende Geduld gegenüber „seltsamen“ Argumenten und teils wüsten Beschimpfungen an den Tag gelegt, was angesichts ihres Fazits sicher nicht einfach war. Wahrscheinlich bräuchte es mehr, sogar sehr viel mehr, Menschen wie Frau Hayali – aber ich muss ehrlich gestehen dass ich über eine solche Geduld und Belastbarkeit nicht verfüge. Umso größer ist mein Respekt gegenüber Menschen wie Frau Hayali.

Was nun also tun? Ich muss mir eingestehen dass ich keine Ahnung habe. Ich weiß nicht wie man konkret den Rechtsruck der Gesellschaft wieder umkehren kann. Ich weiß nur dass es so wie bisher nicht weitergehen kann. In einem Land, in dem fast täglich Unterkünfte hilfsbedürftiger und wehrloser Menschen brennen, in dem es fast täglich zu rechten Gewaltakten kommt, möchte ich nicht leben. Das ist einer demokratischen Gesellschaft im 21. Jahrhundert nicht würdig! Daher wünsche ich mir von ebendieser Gesellschaft einen sehr viel entschlosseneren und energischeren Widerstand gegen rechte Hetze, rechten Demagogen und Populisten, gegen jede Form des menschenunwürdigen Verhaltens.

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