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Die höchstwahrscheinlich letzte Groundhopping-Abstimmung des Jahres 2015 führte mich in die drittgrößte Stadt der niedersächsischen Nordseeküste. Trotz der rund 50.000 Einwohner ist Cuxhaven nicht gerade als Fußballmetropole bekannt, Profifußball wurde hier noch nie gespielt. Mit dem am diesem Sonntag von mir besuchten „Sportverein Rot-Weiß“ war ich beim aktuell zweiterfolgreichsten Verein der Stadt zu Gast.


WP_20151213_001Betritt man die Sportanlage „Kampfbahn“ in Cuxhaven, nur wenige Gehminuten vom Fährhafen entfernt, so fällt dem Besucher sofort die kleine, rund 500 bis 750 Zuschauer fassende rot-weiß-gestrichene Holztribüne auf. Ein kleines Schmuckstück mit Besonderheit, denn dieser Sportplatz wurde bereits im Jahr 1950 in der Hermann-Allmers-Straße aus den Überresten eines ehemaligen Marinesportplatzes errichtet und ist damit ganze 40 Jahre älter als der Verein, der hier nun seine Heimspiele austrägt. Bis 1990 trug hier noch der Cuxhavener SV seine Heimspiele aus, ein 1911 als „Marine-Sportverein Cuxhaven“ von höheren Dienstgraden der Marine-Artillerie  gegründeter Sportverein. 1990 schlossen sich Cuxhavener SV, der Eisenbahner SV Eintracht Cuxhaven sowie der Brockeswalder SV zum heutigen SV Rot-Weiß Cuxhaven zusammen. Diese Fusion fand jedoch nicht bei allen Mitgliedern Zustimmung; vor allem einige ehemalige Eintrachtler waren mit dieser Zusammenführung derart unzufrieden dass sie ihren eigenen Verein gründeten, den „FC Eintracht Cuxhaven 01“. Der spielt derzeit eine Spielklasse höher als der SV Rot-Weiß und ist aktuell der erfolgreichste Fußballverein der Stadt. Seit seiner Gründung im Jahr 1990 bewegte sich der SV Rot-Weiß Cuxhaven zwischen fünfter und siebter Liga. Als am erfolgreichsten stechen hierbei die Spielzeiten 2007/2008 sowie 2009/2010 heraus, als man an der fünftklassigen Niedersachsenliga teilnahm, beide Male aber direkt wieder absteigen musste. Aktuell kämpft der Verein in Staffel 4 der siebtklassigen Bezirksliga Lüneburg um Punkte und Tore, vor dem heutigen Spiel belegten die Rot-Weißen Platz 14 (von insgesamt 16 Teams) mit fünf Punkten Rückstand auf die Nichtabstiegsplätze.

WP_20151213_007Mit dem „Altländer Sportclub Cranz-Estebrügge“ war heute eine Mannschaft aus der unmittelbaren Nähe Hamburgs zu Gast in Cuxhaven, die vor diesem Spiel auf Platz neun der Tabelle beheimatet war (sieben Punkte vor Rot-Weiß Cuxhaven) und die vergangene Saison sogar auf Rang drei beendet hatte. Zuvor hatte es vier Begegnungen zwischen diesen beiden Clubs gegeben, wobei die Bilanz mit je zwei Siegen für jedes Team bisher recht ausgeglichen war, auch wenn das Gesamttorverhältnis mit 6:11 eindeutig auf Seiten des ASC war. Das heutige Spiel war ein Nachholspiel vom elften Spieltag, der am 18. Oktober ausgetragen wurde.

WP_20151213_009Wir nahmen also auf besagter Holztribüne Platz und begutachteten von dort aus einen Rasen, dem das norddeutsche Schietwedder der vergangenen Tage sehr deutlich anzusehen war. Zwar genossen wir heute strahlenden Sonnenschein, aber der Rasen war stellenweise mehr braun als grün, sehr weich, sehr tief und sehr winterpausenbedürftig. Trotzdem wurde hier heute angepfiffen und das Spiel passte sich sehr schnell dem schaurigen Untergrund an (mein Mitgefühl für die armen Tröpfe die bei beiden Mannschaften für die Trikotwäsche zuständig sind). Ein präzises Passspiel war nur sehr eingeschränkt möglich und das aufgeweichte Geläuf hielt den Penetrationen der Fußballschuhstollen oft nicht stand, ein fröhliches Schlittern, (Aus-)Rutschen und Stolpern war die Folge. Für mich persönlich etwas unverständlich die Linie des Schiedsrichters Lorenz Gehrmann, der trotz der durch den unsicheren Untergrund erhöhten Verletzungsgefahr erstaunlich viel durchgehen ließ. Dies erzeugte beachtlichen Unmut bei Spielern, Trainern und Betreuern beider Mannschaften, der sich nach etwa einer Viertelstunde erstmals Bahn brach, als die Begegnung ihren ersten großen Aufreger erlebte.

WP_20151213_012Im Cuxhavener Strafraum kam es zu einer recht unübersichtlichen Szene an deren Ende ein Spieler der Gäste aus Cranz-Estebrügge schmerzgekrümmt am Boden liegen blieb. Der Unparteiische ignorierte die nun folgende kleine Rudelbildung, sprach zunächst den am Boden liegenden Spieler an, drehte sich plötzlich um und zeigte einem anderen Spieler des ASC Cranz-Estebrügge die rote Karte. War die Überraschung hier schon groß wuchs diese noch weiter als auch ein Spieler des SV Rot-Weiß Cuxhaven nur wenige Sekunden später ebenfalls mit Rot vom Platz gestellt wurde. In beiden Fällen kann ich mir dies nur durch eine für mich nicht hörbare Schiedsrichterbeleidigung erklären, nun standen jedenfalls nur noch 20 Spieler auf dem Rasen. Im Anschluss wurde glücklicherweise auch noch weiter Fußball gespielt, knappe zehn Minuten später ging der ASC Cranz-Estebrügge durch einen äußerst sehenswerten und genial geschossenen direkten Freistoß, links an der vier Köpfe starken Mauer vorbei ins lange Torwarteck gezirkelt, durch John Schliecker mit 0:1 in Führung, was sich bis zum Halbzeitpfiff auch nicht mehr änderte.

WP_20151213_013Die ganz in rot spielenden Hausherren bemühten sich redlich, doch die Gäste in dunkelblauer Spielkleidung kamen mit dem tückischen Untergrund offensichtlich besser zurecht: die Pässe kamen präziser, das Stellungsspiel war besser und die Laufwege wirkten effizienter. Besonders im Laufe der zweiten Hälfte wurde deutlich dass Cuxhaven mit dem Stellungsspiel der Gäste seine liebe Mühe hatte. Kam der SV Rot-Weiß mal in Ballbesitz, so war für die Offensivbewegung oft bereits an der Mittellinie Schluss und man schob sich den Ball auf der verzweifelten Suche nach einer Anspielstation hin und her. Trotzdem sollten noch weitere Tore fallen und es war schon ein wenig überraschend dass Cuxhaven in der 56. Minute durch Arne Buschbeck den zwischenzeitlichen Ausgleich erzielten konnte. Die Freude darüber hielt aber nicht lange an, denn in den folgenden Minuten drehten die Gäste nochmal richtig auf und gingen durch Treffer von Alexander Weser (60. Minute), Yannick Meyer (66. Minute) und Stephan Seliger (75. Minute) mit 1:4 in Führung. Dass der SV Rot-Weiß Cuxhaven durch einen erneuten Treffer von Arne Buschbeck in der 83. Minute noch mal rankam änderte nur wenig an der optischen Überlegenheit des ASC Cranz-Estebrügge, der heute verdient mit einem 2:4-Auswärtserfolg vom Platz ging. Im Laufe des Spiels zog auch der oft unsicher wirkende Schiedsrichter nochmal Aufmerksamkeit auf sich: hatte er viele teilweise recht ruppige Fouls (von beiden Mannschaften) meist völlig ungeahndet gelassen, so sah er sich doch genötigt einem Spieler die gelbe Karte zu zeigen, weil dieser einen Einwurf einige Meter von dem Punkt entfernt durchgeführt hatte an dem der Ball das Spielfeld verlassen hatte. Spätestens mit dieser Aktion passte sich der Unparteiische der Qualität der Spielfläche an.

WP_20151213_006Das Spiel zog seinen Unterhaltungswert hauptsächlich durch die von schlechter Rasenqualität und noch schlechterer Schiedsrichterleistung hervorgerufenen Unberechenbarkeiten. Davon abgesehen ist der „Kampfbahn“-Sportplatz des SV Rot-Weiß Cuxhaven jedoch durchaus hervorragend dazu geeignet einen schönen und angenehmen Fußballnachmittag zu verbringen, nicht zuletzt wegen der süßen und einen ganz speziellen Charme versprühenden Holztribüne, die hoffentlich noch möglichst lange erhalten wird. Zudem wird man in der Vereinsgaststätte sehr freundlich begrüßt, die Preise für Speis und Trank bewegen sich wie der Eintrittspreis (vier Euro) im grünen Bereich. Unser Besuch wird daher ausdrücklich zur Nachahmung empfohlen.


Für das kommende Wochenende (18. bis 20. Dezember) wird es keine Groundhopping-Abstimmung geben, denn in der kommenden Woche werde ich vom Frauen-Hallenturnier des TuS Komet Arsten berichten (nähere Infos dazu folgen).


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